
Drehbuch: Damon Lindelof, Carlton Cuse
Regie: Jack Bender
Ben: „Jack. She’s one of the bad guys.“
Jack: „Oh, I almost forgot, you’re the good guys.“
Es war zu erwarten, daß „24″ nach dieser verkorksten Season auch ein verkorkstes Finale bekommt; es war leider auch abzusehen, daß man „Veronica Mars“ nach zwei exzellenten Seasons und der umgestalteten dritten Season kein Serienfinale gönnen würde, aber letztlich hat man nicht einmal das Gefühl eines Seasonfinales erzeugen können. Es war nicht vorherzusehen, daß diese ausgezeichnete erste Season von „Heroes“ etwas schwach auf der Brust endet, aber ich hatte keinen Zweifel daran, daß „LOST“ in dieser Season stark enden würde … und ich wurde sogar noch positiv überrascht. Damon Lindelof, Carlton Cuse, Hut ab, das war der Höhepunkt dieser TV-Season!
Diese dritte Season hatte zwei große Handlungsbögen, einmal die Pläne und Probleme der Others, insbesondere Bens, zum anderen die Visionen von Desmond. Da ist es nur passend, daß beide Handlungsbögen im Finale zu einem – zumindest vorläufigen – Ende kommen.
Bens Plan, die Frauen zu entführen und jeglichen Widerstand der Männer gewaltsam zu unterbinden, geht nicht auf, weil Juliet und Karl ihn verraten haben. Zwar können Sayid, Jin und Bernard gefangen genommen werden, aber seine Führungsposition schwindet weiter und als sei das nicht genug, gipfeln seine Probleme im Auftauchen von Charlie in der Unterwasserstation. Nicht nur, daß seine Leute von weiteren Lügen erfahren, die er ihnen aufgetischt hat, das Ausschalten des Störsignals gefährdet seiner Meinung nach das Leben aller Menschen auf der Insel.
Diesmal ist keine Zeit für komplexe Pläne und Psychospiele, er versucht in aller Eile Jack und die Gruppe von Losties abzufangen, bevor sie das Funkgerät benutzen können, und ihm das Gerät abzuschwatzen; die einzige Karte, die er noch aufspielen kann, sind die drei Gefangenen, doch Jack geht nicht darauf ein. Sein Drang, die Insel zu verlassen, ist zu groß, und so geht er tatsächlich die Gefahr ein, daß sie erschossen werden.
Ben ist geschlagen, und nicht nur durch Jack, der wild auf ihn einprügelt; er ist wieder gefangen, seine Tochter wendet sich immer deutlicher von ihm ab, viele der Others zweifeln an ihm als Anführer und das Schlimmste überhaupt tritt ein: Jack nimmt Kontakt mit dem Frachter auf, den wirklichen Bösewichten, wie er glaubt.
Am Strand wird klar, warum die Autoren Bernard in der Rolle eines der drei Scharfschützen haben wollten: Nur dadurch, daß er tatsächlich die Wahrheit ausplaudert, kann er die Exekution von Jin verhindern. Wäre an seiner Stelle ein störrischer Sawyer dort gewesen, hätte diese Szene wohl anders ablaufen müssen als mit Bernard, der ja noch von Rose eingetrichtert bekam, daß er kein „Rambo“ sei.
Dennoch sollte Sawyer am Strand den sich ergebenden Tom erschießen, vermutlich um zu zeigen, daß Sawyer auch nach dem Mord an Lockes Vater seinen inneren Dämonen nicht entkommen kann. Erreicht haben sie dieses Ziel, indem sie Sawyer und Juliet zurückgehen ließen, was meiner Meinung nach nicht völlig glaubwürdig erscheint, zumal sie nicht bewaffnet sind. Aber durch einige humorvolle Dialogzeilen kann man leicht darüber hinwegsehen.
Daß letztlich Hurleys beherztes Eingreifen in die Situation die Geiselnahme am Strand beendet und Ben einiger seiner besten Leute fürs Grobe beraubt wird, kam sehr unerwartet, ist aber um so erfreulicher für die Fans dieses Charakters, der sich ja in letzter Zeit ziemlich nutzlos vorkam. Und auch ein gefesselter Sayid kann tödlich sein, Donnerwetter, das wäre auf der Jack-Bauer-Skala eine glatte 10!
Ich war nicht so sehr überrascht, daß Desmond Charlie in die Unterwasserstation „Looking Glass“ folgte, das ahnte ich schon, aber er hatte einen guten Grund dafür: Mikhail, der robuste Russe, schoß auf ihn, und folgte ihm dann auch noch in die Station. Soviel Besuch hatten Bonnie und Greta, die beiden Bewohnerinnen der Station, wahrscheinlich schon lange nicht mehr, und es sollte ihnen auch nicht gut bekommen. Ben war nicht bereit, das kleinste Risiko einzugehen, und befahl Mikhail, Charlie und die beiden Frauen zu töten, dann hätte nur er allein den Code zum Abstellen des Störsignals gekannt, aber kaum machte sich Mikhail an die Arbeit, kam Desmond dazwischen.
Eine sehr schöne Idee ist, daß nur Charlie – ein Musiker – in der Lage war, den Code doch noch einzugeben, weil er die Noten von „Good Vibrations“ kannte. Charlies Tod ist spätestens seit der letzten Episode zu erwarten gewesen, nicht aber der Grund: Mikhail, das ewige Stehaufmännchen, ist noch immer nicht tot, zündet eine Handgranate, und ich wette, die überlebt er auch noch.
Wieder darf Charlie heldenhaft sein, im Todeskampf gab er Desmond die an sich wichtige Nachricht weiter, daß der Frachter nicht von Penny geschickt wurde; er konnte ja nicht ahnen, daß Jack zu spät davon erfahren würde. Mit letzter Kraft bekreuzigt Charlie sich, und stirbt wie von Desmond vorhergesehen. Wichtig anzumerken ist noch, daß die Station nicht geflutet wird, und daher später in der Serie wohl wieder vorkommen wird.
Ob sich mit Charlies Tod nun auch Desmonds Visionen einstellen werden, bleibt erst einmal eine offene Frage, aber überreizen darf man das Thema auch nicht; würde er in der nächsten Season den Tod eines anderen Charakters sehen, wäre das schon zuviel des Guten, wenn überhaupt, dann sollte er eher allgemeine Visionen die ganze Gruppe betreffend haben, oder man verzichtet ganz darauf.
Apropos: Auch wir Zuschauer kamen quasi in den Genuß unserer ganz eigenen Zukunftsvision, und zwar Jack betreffend. Statt einer Backstory eine Art „Forward Story“ zu machen und dies erst in der allerletzten Szene eindeutig aufzulösen, ist einfach ein Geniestreich! Nach dem zweiten Ansehen der Doppelepisode ist mir klar, daß man durch das Handy durchaus hätte darauf kommen können, daß die Handlung nicht 2004 oder sogar noch früher spielt, aber ich bin froh, daß ich nicht darauf geachtet habe und somit wirklich überrascht worden bin.
Wenigstens Jack und Kate sind gerettet worden, vermutlich aber noch mehrere Losties, und Jack wurde zu einem saufenden, tablettensüchtigen Wrack mit Tendenz zum Selbstmord. Man bekommt natürlich den Eindruck, daß letztlich der Kontakt mit dem Schiff der Auslöser dafür war, aber es bleibt offen, was wirklich Jack so sehr zu schaffen macht, zumal es Kate offenbar deutlich besser geht als ihm.
Jack hat in der Zwischenzeit eingesehen, daß es ein Fehler war, die Insel zu verlassen, und er versucht verzweifelt, wieder auf ihr abzustürzen – auf diese Idee muß man erst einmal kommen. Wer in dem Sarg liegt, bleibt natürlich offen, aber wenn ich tippen sollte, würde ich sagen Locke.
Ach ja, noch so ein Stehaufmännchen. Locke überlebt die Schußverletzung natürlich, will sich jedoch erschießen, weil er glaubt, wieder gelähmt zu sein. Walt erscheint ihm, sagt, er könne sehr wohl gehen und habe noch Arbeit zu erledigen, und schon glaubt Locke wieder an sich. Das wurde vielleicht ein wenig zu kurz behandelt, von „alles aus, ich erschieß mich“ zu „geht doch wohl noch“ in wenigen Sekunden … mußte Locke wirklich noch einmal daran erinnert werden, was auf dieser Insel alles möglich ist? Mir kam das ein wenig so vor, als wollte man partout den Gastauftritt von Walt irgendwo unterbringen.
Man muß wohl davon ausgehen, daß Locke von der Erscheinung, die vermutlich Jacob und/oder Smokey war, weitere Informationen bekommen hat, denn woher sonst sollte Locke wissen, was gerade beim Funkturm vor sich geht und daß man auf keinen Fall Kontakt zum Schiff aufbauen darf?
Er bringt es nicht fertig, auf Jack zu schießen, und diesmal könnte das wirklich die falsche Entscheidung gewesen sein, wir werden sehen.
Alles in allem ist diese Finalepisode mehr gewesen als nur eine Doppelfolge, sie ist noch runder geworden als sonst, und fühlte sich mehr wie ein Spielfilm an. Das Ende ist nicht nur die typische Ansammlung von Cliffhangern, bei denen Leute in Gefahr sind. Man bekommt das Gefühl, daß ein Kapitel nun abgeschlossen wurde, und mit der nächsten Season ein neues beginnt.
Ich vergebe nicht oft eine 1, aber hier ist sie vollends verdient. Was hätte man schon besser machen können? Nicht viel, kleinere Ungereimtheiten habe ich ja schon erwähnt, sonst kommt mir nur eine Idee in den Sinn: Jetzt, da Locke sogar den Schuß von Ben überlebt hat, wird er wohl von den Others noch mehr als „special“ angesehen werden, wenn sie davon erfahren. Daher wäre es schön gewesen, Bens Reaktion auf Lockes plötzliches Erscheinen beim Funkturm deutlicher zu machen, er sollte eigentlich überraschter sein als alle anderen, aber auch das ist nur eine Kleinigkeit.
Note: 1–